Fallarchiv

Kategorien


Kategorisierungen  und ihre Grenzen


Ein Fallarchiv ist wenig hilfreich – und verdient wahrscheinlich auch nicht den Namen „Archiv“ – wenn es ausschließlich aus einer Sammlung von Fällen besteht. Damit stellt sich jedoch die Frage nach einer sinnvollen Ordnung in einem paradigmatischen System. In unserem Fallarchiv haben wir folgende Kategorien gewählt:

•   Sportart/Disziplin


•   Stufe – Schuljahr

•   Textsorte

•   Methodik

•   Didaktisches Thema

•   Spezielle Themen


Diese sollen zunächst einmal die Suche nach Fällen erleichtern. Wenn beispielsweise Lehrende für ein bestimmtes Thema einen passenden Fall suchen, dann sollen die genannten Kategorien eine schnelle und erfolgreiche Suche unterstützen. Damit ist aber zugleich die Kehrseite von Kategorisierungen angesprochen. Diese betrifft die Zuordnung der Fälle zu Bildungseinrichtungen und Klassenstufen zwar nicht, aber gerade die Kategorien „Didaktisches Thema“ und „Methodik“ werfen für uns die Frage nach den Grenzen von Kategorisierungen angesichts einer möglicherweise mit ihnen verbundenen Beschränkung der Fallauslegung auf. Diese Kategorien sollen keinesfalls dazu beitragen, ein unangemessenes „Schubladen“-Denken zu forcieren, und – wie Schierz und Thiele im Anschluss an Waldenfels betonen –, die „‚okzidentale Ordnungsbesessenheit’“ fördern, „die nur nach der Maßgabe fixierter Systematiken Probleme filtert“ (2002, S. 43).


Ein sportdidaktisches Fallarchiv ohne didaktische und methodische Kategorien erscheint uns allerdings fragwürdig. Es gilt daher, in der Ambivalenz zwischen paradigmatischen Kategorien und narrativer Offenheit (vgl. Messmer, 2011), einen Kompromiss zu finden. Einerseits wollen wir mit den vorgegebenen und offenen Kategorien ein Suchen und Finden in der Menge der Fälle ermöglichen, andererseits die narrative Performanz von Fallarbeit nicht einschränken. Die Gefahr überzogener Kategorisierungsbestrebungen versuchen wir daher zum einen dadurch zu begrenzen, dass innerhalb der Kategorien, wo dies denkbar ist (z.B. „Didaktisches Thema“, „Methoden“), mehrere Zuordnungen möglich sind (z.B. „Mit Schüler/innen interagieren“ und „Inhalte präsentieren“). Gleichzeitig erfolgen unsere Zuordnungen aber durchaus „fokussiert“, d.h. nicht alles, was irgendwie denkbar wäre, wird zugeordnet, sondern nur diejenigen Kategorien, die besonders hervorstechen.


Zum anderen sind auch auf der Ebene der Interpretationen zwei „Mechanismen“ gegen „kanonische Deutungskorsette einschließlich gleich mitgelieferter‚ Musterlösungen’“ (Schierz & Thiele, 2002, S. 43) implementiert. Z.T. sind die vorgestellten Interpretationen von vorn herein so offen gehalten, dass unangemessene Eindeutigkeit vermieden wird. Ergänzend hierzu soll die Plattform ja gerade zu alternativen Interpretationen einladen und somit demonstriert werden, dass ein und derselbe Fall durchaus unterschiedliche Auslegungen (und Kategorisierungen) eröffnet. Damit schaffen wir aber das Potential für „Distanzfälle“ (vgl. Messmer 2012), die Lernen und Forschen an und mit Fällen erst möglich machen.


Auch wenn dies mit dem Nachteil von Komplexitätssteigerung verbunden ist, Gewissheit durch eindeutige Lösungen wäre bestenfalls eine Scheingewissheit und entspräche nicht dem Anforderungsprofil professionellen pädagogischen Handelns, das durch Unbestimmtheit, Ungewissheit und Antinomien gekennzeichnet ist (vgl. z.B. Helsper, 2003; Lüsebrink, 2010).


Literatur

Helsper, W. (2003). Ungewissheit im Lehrerhandeln als Aufgabe der Lehrerbildung.

In W. Helsper, R. Hörster, & J. Kade (Hrsg.), Ungewissheit. Pädagogische Felder im Modernisierungsprozess (S. 142-161). Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.


Lüsebrink, I. (2010). Wie viel Ungewissheit verträgt die Sportlehrer/innenausbildung? Wie viel Gewissheit erträgt die Profession? In P. Frei & S. Körner (Hrsg.), Ungewissheit – Sportpädagogische Felder im Wandel (Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, Bd. 200, S. 51-64). Hamburg: Czwalina.
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Messmer, R. (2011). Ordnungen der Alltagserfahrung. Wiesbaden: VS-Verlag. 


Messmer,R. (2012). Best Practice oder Distanzfälle? Schriftenreihe Fachdidaktische Forschung, Nr. x, Date. Retrieved from http://www.uni-hildesheim.de/sff.


Schierz, M. & Thiele, J. (2002). Hermeneutische Kompetenz durch Fallarbeit. Überlegungen zum Stellenwert kasuistischer Forschung und Lehre an Beispielen antinomischen Handelns in sportpädagogischen Berufsfeldern. Zeitschrift für Pädagogik, 48 (1), 30-47.




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